Ein Jahr Leseband in MV
Laut, leise, gemeinsam – So klingt Leseförderung mit dem Leseband
Jeden Morgen sitzt Jörg Schermer mit der jahrgangsübergreifenden Klasse der Grundschule Mestlin im Morgenkreis. Dabei dauert es nie lange, bis es mucksmäuschenstill im gesamten Klassenraum ist. Die Schülerinnen und Schüler lauschen den Worten ihres Klassenleiters, liest er doch gerade einige Seiten aus dem zweiten Harry-Potter-Buch vor.

Lesen ist die Grundlage für das Lernen in allen Fächern. Gute Lesekompetenz öffnet den Zugang zu Wissen – nicht nur in der Schule. Genau deshalb hat das Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung zum Schuljahr 2024/2025 das Leseband an den Grundschulen des Landes eingeführt. An allen Unterrichtstagen gibt es an den Schulen von der ersten bis zur vierten Klasse ein 20-minütiges Zeitfenster, in dem gezielt die Lesekompetenz, die Lesefreude und damit die Chancengleichheit frühzeitig gestärkt werden. Dadurch lesen alle Kinder je Klasse bis zu 90 Unterrichtsstunden im Jahr zusätzlich.
So auch an der Grundschule Mestlin, in der die Schülerinnen und Schüler von Lehrer Jörg Schermer nach dem Zuhören im Morgenkreis selbst aktiv werden. In Zweier-Gruppen verteilt sich die sogenannte JÜ-Klasse (für jahrgangsübergreifend) auf dem Flur in gemütlichen Lese-Ecken, in der eigenen Bibliothek und im Klassenraum. Die Paare lesen gemeinsam in den selbst gewählten Büchern laut vor. Laut-Lese-Tandem heißt diese Methode des Lesebandes. Am liebsten nutzen die Kinder aber den „Ich-Du-Wir-Würfel“, mit dem sie in größeren Gruppen würfeln. Je nachdem, was der Würfel anzeigt, wird gelesen. Bei „Wir“ zum Beispiel gemeinsam, bei „Ich“ nur das Kind, das gewürfelt hat. Dabei geht es reihum, jeder darf würfeln. „Das macht uns am meisten Spaß, weil wir da zusammenarbeiten können“, sagt Klara.

„Zusammen“ – das ist genau das, was die Kinder brauchen und wollen. So wird das Miteinander beim Lesen in Mestlin großgeschrieben. Mandy Wetzel nutzt mit ihrer ersten Klasse mittlerweile vor allem das Tandem-Lesen. „In der ersten Klasse beginnen die Schülerinnen und Schüler mit dem Lesenlernen. Alle Methoden des Lesebandes können wir noch nicht anbieten, das Tandem-Lesen funktioniert für uns gut und stärkt das gemeinsame Lernen“, sagt Klassenlehrerin Mandy Wetzel. In den nächsten Jahren probieren sie und ihre neuen kleinen Leser dann auch die anderen Methoden aus.
In Güstrow wird jeden Tag direkt zum Schulbeginn gelesen
An der kleinen Grundschule im Landkreis Ludwigslust-Parchim entscheidet jede Lehrkraft selbst, wann und wie sie das Leseband in ihren Unterricht einbaut. Dagegen ist an der Grundschule „Georg Friedrich Kersting“ in Güstrow die tägliche Lesezeit direkt zu Beginn eines jeden Schultages eingeplant. Jede Schule entscheidet das eigenverantwortlich.

Selbstverständlich wurde auch in Güstrow schon vor der Einführung des Lesebandes viel Wert auf die Grundkompetenz Lesen gelegt. Neben einer großen eigenen Schulbibliothek geht es für die Grundschülerinnen und Grundschüler zum Beispiel einmal im Monat beim „Bibo-Beutel-Tag“ in die Güstrower Uwe-Johnson-Bibliothek. Dort finden die Kinder immer neue Bücher. Mit dem Leseband wird nun noch mehr gelesen.
In der dritten Klasse von Rumana Kieslich wird dabei immer viel gebastelt. So steht an diesem Tag ein sogenanntes Logical auf dem Programm. Zunächst müssen die Schülerinnen und Schüler etwas schneiden, danach lesen und schließlich richtig zuordnen. „Das machen die Kinder sehr gern“, erklärt Rumana Kieslich und ergänzt: „Das Leseband hat uns Lehrkräfte neue Denkanstöße und Ideen gegeben.“ Das findet auch Lehrerin Lena Gitzel, die ihre Klasse 2a an diesem Morgen zum Tandem-Lesen auf dem Flur verteilt hat. In allen Ecken – auf Stühlen und Bänken – ist jetzt lautes Lesen zu hören. „Wir führen auch ein Lesetagebuch und wollen so Freude am Lesen wecken. Die Kinder sollen sich mit den Texten intensiv beschäftigen“, sagt Lena Gitzel.
„Wir sind uns, denke ich, alle einig, dass Lesen die elementare Sache ist, die gelernt werden muss. Das ist die Grundvoraussetzung für alles“, sagt Jörg Schermer von der Grundschule Mestlin. Das Leseband ist für ihn eine schöne Ideenbörse: „Wir haben uns nochmal mit anderen Geschichten und anderen Texten beschäftigt und uns darauf besonnen, dass auch laut gelesen wird.
In Güstrow und Mestlin haben die Lehrkräfte das neu eingeführte Leseband gut angenommen und umgesetzt. Mit Erfolg, wie Mandy Wetzel, Lena Gitzel, Rumana Kieslich und Jörg Schermer berichten. Sie werden auch künftig die unterschiedlichen Methoden anwenden und so die Lesekompetenz sowie die Begeisterung ihrer Kinder fördern. Damit diese dann nicht wie beim Morgenkreis von Jörg Schermer nur der Geschichte von Harry Potter lauschen, sondern irgendwann selbst in die magischen Welten der Bücher – wie eben in Hogwarts – eintauchen.
