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Seit Juli 2005 wird an unserer Schule, der KGS Friedland, ein Schulversuch zur
Profilierung in „ästhetischer Bildung und digitalen Medien“ mit folgenden Zielen
durchgeführt:
Entwicklung und Ausbau des Profils "Ästhetische Bildung und digitale Medien" ergänzen unser Konzept für eine andere Schulqualität durch:
Täglich sind wir von inszenierten Bildern umgeben. Die mediale Wirklichkeit gewinnt zunehmend Raum in unserer Welterfahrung. Das Schulprojekt „Inszen- Inszenierte Fotografie in drei Workshops“ wollte sich dieser Thematik auf humorvolle Weise nähern: Schülern Platz zum Experimentieren bieten und die Möglichkeit, vor und hinter der Kamera ins inszenierte Bild zu steigen.
Zum zehnten Mal fand in diesem Frühjahr ein von Studenten des Kunstinstitutes der Universität Greifswald durchgeführtes Projekt an der Kooperativen Gesamtschule Friedland, dem ehemaligen neuen friedländer gymnasium, statt. Diese Zusammenarbeit zwischen Caspar-David-Friedrich-Institut und der Schule ermöglicht den Kunststudenten im Rahmen ihrer Lehramtsausbildung praktische Vorbereitung auf den angestrebten Beruf. Den Friedländer Schülern bietet sie jährlich die Teilnahme an einem außergewöhnlichen Kunstprojekt jenseits des Schulalltags.
In der Uni für die Schule
Schon seit Wochen stapeln sich sauber in Kartons aufbewahrt Folien, Füllmaterial, Styropor, leere Eierkartons und ausgewaschene Joghurtbecher in der Abstellkammer des Kunstinstitutes der Universität Greifswald. Gleichzeitig liegen wir, sechs Lehramtsstudenten, in den letzten Zügen der Planung für ein Kunst-Projekt an der Friedländer Schule. Das Semester neigt sich dem Ende zu und wir stehen kurz vor der Umsetzung von „Inszen“.
Den Anfang nahm das Projekt in einem Seminar der Kunstdidaktik unter Betreuung von Roland Mieth. Zu Beginn des Semesters stand die Suche nach einer Idee. Neue Medien rückten schnell in unser Interesse. Gleichzeitig galt es die Umsetzbarkeit an einem Wochenende zu berücksichtigen. Schließlich einigten wir uns auf drei Workshops, die wir unter dem Thema der inszenierten Fotografie zusammenführen wollten.
Im Laufe des Seminars entwarfen wir Plakate, schrieben Sponsoren an, informierten Schule und Schüler und testeten in „Selbstversuchen“ die Durchführbarkeit unserer Ideen.
Wir holen noch die Scheinwerfer aus der Medienwerkstatt in Greifswald und packen den Laptop ins Auto, dann fahren wir los nach Friedland. An diesem Frühlingstag kommen Sommergefühle auf. Ob bei diesem Wetter überhaupt Schüler an unserem Projekt teilnehmen werden? Schließlich kommen sie an diesem Wochenende freiwillig in die Schule. Das Plakat hängt schon seit Wochen in der Pausenhalle und kündigt die drei Workshops an: „Tatort -Jetzt wird gespickt“, „Restyle-Anziehen statt wegwerfen“ und „Misfits -passt nicht gibt´s nicht“. Nach der Informationsveranstaltung vor zwei Wochen haben sich 16 Schüler in unsere Teilnehmerliste eingetragen.
Unsere Sorgen sind unbegründet: Wenig später sitzen wir mit 17 Schülern im Kunstsaal 1 des Friedländer Gymnasiums. Hauke und Catherine leiten den „Misfits“-Workshop. Sie ziehen mit ihren Schülerinnen zur Ideenfindung auf die Wiese vor das Schulgebäude. „Misfits“, erklärt Hauke, „das bedeutet, dass etwas auf den ersten Blick nicht passt. Z.B. ein cooler Punk, der bei seiner spießigen Oma auf der Couch sitzt. Oder jemand in Gothik-Klamotten, der auf einem Startblock im Schwimmbad steht.“ Dem Erfinden solcher augenscheinlich unpassenden Situationen dient der Freitagnachmittag. Am nächsten Tag soll es ans Inszenieren und Fotografieren gehen. Am Montag werden die besten Bilder ausgedruckt, gerahmt und aufgehängt.
Der gleiche Zeitplan gilt für die beiden anderen Workshops. Die „Tatort“-Gruppe will die kleinen Verbrechen des Schulalltags zum Vorschein bringen. Unter dem Motto „Jetzt wird gespickt“ wollen Annegret und Fritz mit den Schülern noch ganz andere Leichen aus dem Keller des Schulalltags ziehen, aber immer gut inszeniert. Sie erkunden mit den Schülern das Gelände auf der Suche nach den besten Orten der Tat, die sie am Samstag ablichten wollen.
Doreen und ich kümmern uns um den Workshop „Restyle - Anziehen statt wegwerfen“. Wir sind für die nun im Kunstraum liegenden Müllberge verantwortlich. Aus ungewöhnlichen Materialien sollen besonders außergewöhnliche Kleidungsstücke - nicht unbedingt für den Alltag, aber für die Fotografie - entstehen.
Die Schüler gehen ans Werk. Pauline zieht eine lange schwarze Folie aus einem Sack und leert einen Karton aus, den sie verwenden will. Der soll einmal ein Rock werden. Tony beginnt mit Skizzen, während sich Sara in einen schwarzen Müllsack wickelt und Antje eine durchsichtige Folie in gleich lange Stücke reißt. „Ich mach´ einen Petticoat.“ Die Schüler wühlen im Materialhaufen, zerren, zerreißen, schneiden, kleben. Tony ist von den Skizzen abgekommen und hat die Müllkörbe der Schule durchforstet. Nun steht er voller Tatendrang auf der Wiese und sprayt mit einer Dose silbergrauem Lack auf rote Plastikdeckel.
Am nächsten Tag haben wir bis nachmittags Zeit in allen drei Workshops unwirkliche Situationen zu gestalten. Junge Damen laufen in Stöckelschuhen und knappen chicen Kleidern Putzwagen schiebend durch die Schule. Eine Schaufensterpuppe wird herbei getragen. Wenig später ist gar nicht mehr sicher, wer Schaufensterpuppe und wer Modell ist. So echt kann die Täuschung sein? Oder wer zieht hier wen an? (Bild 1) Im ersten Stock hantiert ein Einbrecher am Fenster und alle schauen zu (Bild 3). In der Pausenhalle sind die Umrisse eines imaginären Opfers am Fußboden mit Klebeband markiert (Bild 6) und in der Bibliothek wird cool gestylt heimlich musiziert (Bild 2). An der Stange im Gymnastiksaal posieren vier Ladies in Plastik (Bild 7) für ihre neuste Kollektion und die Folienballerina breitet ihr weißes Kleid fein säuberlich auf den dunkelgrauen Pflastersteinen des Schulhofes aus (Bild 8). Julia arbeitet lange an ihrem aufwendigen Kostüm. Hauteng sitzt der einstige schwarze Müllsack an Ober- und Unterkörper, über der Brust in Reih und Glied mit Styroporteilchen beklebt. Um die Hüfte wickelt sie sich Alufolie, welche ihrem Outfit den Titel „Alu-Spinne“ verleiht. Etwas später steigt sie fürs Foto in den Fernsehschrank. (Bild 4) Am Nachmittag schält sich die Schülerin aus ihrem Kostüm und wird Modell an Seite von Tony, der sein Kunstwerk noch am Leibe trägt. (Bild 5)
Überall wird fotografiert. Fotos füllen die Speicherkarten und bald darauf die Bildschirme. Köpfe drängen sich vor den Computern um die besten Bilder auszuwählen.
Der Montag steht unter dem Eindruck des Endspurts. Für mittags ist eine Präsentation geplant, alle Schüler und Kollegen sind in die Pausenhalle geladen, die Zeit läuft.
Die „Misfits-Gruppe“ und auch die „Tatort-Fotografen“ tauchen hinter die Bildschirme ab und erstellen zwei Powerpointpräsentationen. Die „Restyle-Models“ überlegen, wie sie ihre Kostüme am besten präsentieren. „Sollen wir eine Modenschau machen?“ Auf dem Handy ist die passende Musik gefunden, Probelauf, Pauline und Sara üben das Ansagen der Models.
Der Drucker läuft im Dauerbetrieb und schmeißt die besten Bilder der drei Workshops auf Hochglanzpapier aus.
Technische Pannen drücken die Zeit bis zum Limit. Bis zur letzten Minute werden die Fotografien aufgeklebt, gerahmt und im Flur aufgehängt.
Die Stühle sind bereit gestellt, die Schüler der Mediengruppe haben alle Bilder und die Musik der Modenschau auf die Rechnern geladen, der Beamer und die Mikrofone sind eingeschaltet, die Pausenhalle füllt sich. Es geht los. Die „Misfits- und Tatort-Gruppen“ stellen ihre Arbeiten vor, die Powerpointpräsentationen laufen über die Leinwand. Lachen und Klatschen. Aufgeregt treten Sara und Pauline auf die Bühne. „Wir haben Kleider aus Müll hergestellt“, sie erklären kurz das Projekt, dann sagen sie an: „Hier kommt die Folienballerina.“ Die Musik in den Lautsprechern fährt hoch und Antje läuft mit Hüftschwung durch die Stuhlreihe. Es folgen nacheinander alle Modelle. Wohlwollend heiter werden die Kostüme vom Publikum aufgenommen. Abschließend gibt es Dankesworte der Schulzweigleiterin an alle Beteiligten und Blumen für uns Studenten und unseren Dozenten. Nach kurzer Zeit ist alles vorbei. Was bleibt sind die Fotografien. Sie hängen in den Rahmen im Flur und finden ihre ersten Betrachter unter der neugierigen Schülerschaft. „Das ist ja cool. Aber wer von beiden ist denn die Puppe?“ Es hat also funktioniert mit der inszenierten Wirklichkeit.
Lena Schäfer
Zwei Kunstkurse der 11.Klasse werden „angesteckt“ von den Möglichkeiten der inszenierten Fotografie und so entstehen die nächsten Arbeitsergebnisse im Rahmen des Kurses „Kommunikation in Medienwelten“ im Frühsommer 2007. Inszen ist ein Projekt zur inszenierten Fotografie, das SchülerInnen des 11. Jahrgangs zu so originellen Bildern motivierte, dass wir sie in einem Büchlein einem größeren Publikum zugänglich machen wollten. Die Kurslehrerinnen Sabine Kleditzsch und Eva Mieth planten Aufgabenstellungen, gaben Anregungen, werteten in gemeinsamen Stunden mit beiden Kursen aus und freuten sich über die Ergebnisse der Fototeams. Immer geht es um ungewöhnliche Blicke oder Situationen, die den Betrachter überraschen oder irritieren. Die Lust, sich selbst zu inszenieren, bekannte Orte neu zu interpretieren oder zu provozieren, wohnt mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung allen Bildern inne. Es entsteht ein Kaleidoskop von Bildern, die eine Momentaufnahme dessen sind, was junge Leute 2007 in Friedland sich vorstellen: Inszen.
Paul-Ruben Mundthal, der als Schüler an fast allen workshops teilgenommen hat, übernimmt die technische Vorbereitung für den Druck, so dass noch vor den Sommerferien ein kleines Büchlein in unseren Händen liegt.
Eva Mieth