Hattie für gestresste Lehrer

Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen aus John Hatties "Visible Learning" und "Visible Learning for Teachers" von Klaus Zierer

Die Forschungsergebnisse des neusee-ländischen Bildungsforschers John Hattie haben in der medialen Berichterstattung großes Aufsehen erregt. Dabei ist seine zentrale Botschaft eigentlich eine pädago-gische Binsenweisheit: «Auf den Lehrer kommt es an».
Das klingt banal und doch steckt ein solch umfassendes Theoriegebäude hinter dieser These, dass sich künftige bildungswissenschaftliche und -politische Debatten dieser nicht mehr entziehen können. Dies gilt umso mehr für die Frage, welche Bedeutung die Lehrerpersönlichkeit für die schulische Praxis nun wirklich hat.

Der deutsche Hattie-Übersetzer, Prof. Dr. Klaus Zierer, hat unter dem Titel „Hattie für gestresste Lehrer“ eine komprimierte Übersicht über Hatties Forschung vorgelegt, die dem Leser zum einen überaus anschaulich die Kernbotschaften vor Augen führt und ihm zum anderen Reflexionsaufgaben hinsichtlich der Konsequenzen für die eigene Lehrerrolle stellt.

Das Bildungsministerium hat die Broschüre der Reihe Gute Schule/Band 1 allen Lehrerinnen und Lehrern in Meckenburg-Vorpommern zur Verfügung gestellt.

Einblicke

Prof. Dr. Klaus Zierer gibt in "Hattie für gestresste Lehrer" zunächst Einblicke in "Visible Learning", betrachtet Strukturen, Schüler/innen und ihren familiären Hintergrund, Lehrer/innen und ihre Leidenschaft .
In diesem Tortendiagramm setzt er die Effektstärken der sechs Bereiche "Lernende", "Elternhaus", "Schule", "Curricula", "Unterrichten" und "Lehrerperson" zueinander in Beziehung.  In seinem Resümee kommt  er dabei zu dieser Zusammenfassung:

  • Welchen Einfluss haben die sechs Bereiche »Lernende«, »Elternhaus«,»Schule«, »Curricula«, »Unterrichten« und »Lehrperson« auf die schulische Leistung der Lernenden im Vergleich?
    Jeder der sechs Bereiche hat einen Einfluss auf schulischen Lernerfolg und muss beachtet werden. Und dennoch nimmt die Lehrperson eine Sonderstellung ein, weil sie im Unterricht als dem Ort der Bildung die zentrale Rolle spielt.
  • Welche Rolle resultiert daraus für die Lehrperson im Unterricht?
    Lehrpersonen haben den größten Einfluss auf die schulische Leistung der Lernenden, wenn sie wie ein Regisseur agieren: Sie wissen über Ziele, Inhalte, Methoden und Medien Bescheid und wählen diese nach Rückkopplung mit den Lernenden aus. Basierend auf einer intensiven Lehrer-Schüler-Beziehung nutzen sie Rückmeldung, um nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Prozess des Lernens zu evaluieren. Damit sind sie in der Lage, notwendige Veränderungen im Unterricht vorzunehmen.
  • Wodurch zeichnet sich Expertise auf Seiten von Lehrpersonen aus?
    Expertise ist nicht gleichzusetzen mit Erfahrung. Sie zeichnet sich vielmehr durch Fachkompetenz, pädagogische Kompetenz und didaktische Kompetenz aus und zudem durch eine starke Verbindung dieser Bereiche. Damit wird die Haltung, mit der Lehrpersonen in den Unterricht gehen und Lernenden begegnen, hervorgehoben.

Für die Praxis

Feedback-Zielscheibe
Feedback-Zielscheibe

Prof. Dr. Klaus Zierer führt aus dem Resümee über Hatties ""Visible Learning" für Lehrer/innen 10 Handlungsempfehlungen für die Praxis zusammen.
Im Zentrum stehen dabei 10 Haltungen:

  1. Ich rede über Lernen, nicht über Lehren.
  2. Ich setze die Herausforderung.
  3. Ich sehe Lernen als harte Arbeit.
  4. Ich entwickle positive Beziehungen.
  5. Ich benutze Dialog anstelle von Monolog.
  6. Ich informiere alle über die Sprache des Lernens.
  7. Ich bin ein Veränderungsagent.
  8. Ich bin ein Evaluator.
  9. Schülerleistungen sind eine Rückmeldung für mich über mich.
  10. Ich arbeite mit anderen Lehrpersonen zusammen.

Prof. Dr. Klaus Zierer macht darauf aufmerksam, dass die Literatur eine Reihe von Feedbackmethoden bietet, die ohne hohe Kosten und Aufwand eingesetzt werden können. Exemplarisch wird dazu die so genannte Feedbackzielscheibe genannt: In dieser kann eine Lehrperson Dimensionen, zu der sie Informationen erhalten will, festlegen und die Lernenden um Einschätzung bitten. Zum Beispiel kann dies anhand der Dimensionen »Relevanz des Themas«, »Erkenntnisgewinn«, »Gruppenarbeit«, »Lernmaterialien«, »Übertragbarkeit der Inhalte«, »Lehrervortrag«, »Organisation« und »Atmosphäre« gemacht werden. Je näher die Bewertung am Mittelpunkt ist, desto besser ist sie.

Um den Unterrichtsprozess  bewerten zu können, wird auf die Nutzung regelmäßiger Tests verwiesen. Sie können den Einfluss der Lehrperson auf die Lernenden  offenlegen. Für die Durchführung einer solchen Bewertung des Unterrichtsprozesses (formativen Evaluation) steht im Anhang eine Berechnungstabelle in Form einer Exceldatei zur Verfügung.

Exceldatei zur Durchführung einer formativen Evaluation als Download
Feedback-Zielscheibe als Download

„Bildung ist längst der entscheidende Indikator für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft geworden“, sagt Professor Dr. Klaus Zierer, einer der renommiertesten Erziehungswissenschaftler in Deutschland. Zierer, seit 2011 Lehrstuhlinhaber am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, hat sich mit seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik einen Namen als kritischer Begleiter der aktuellen Bildungsdiskussionen gemacht. Wenn Klaus Zierer über Schule, Schülerinnen und Schüler und das Lehrpersonal spricht, dann nicht nur aus universitärer Sicht, sondern auch aus dem Fundus eigener Erfahrungen: Der Wissenschaftler war von 2004 bis 2009 Grundschullehrer in Bayern.

Mit seinem Buch „Lernen sichtbar machen“ hat der Erziehungswissenschaftler John Hattie die pädagogische Welt verändert.
Es ist ein epochales Werk und elektrisiert die pädagogische Welt:
2008 veröffentlichte der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie das Buch „Visible Learning“ („Lernen sichtbar machen“, deutschsprachige Ausgabe von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer, 2013), das die zentrale Frage der Bildungsforschung beantworten wollte: Was ist guter Unterricht? Um das zu ergründen, nahm sich der Professor der University of Melbourne alle in englischer Sprache erschienenen Studien vor, die sich mit den Bedingungen schulischer Leistungen beschäftigen. Nach 15-jähriger Arbeit kam eine Synthese aus 800 Meta-Analysen heraus, die auf 50.000 Studien mit circa 250 Millionen Lernenden zurückgreift. Aus dieser weltweit größten Datenbasis zur Unterrichtsforschung extrahierte Hattie 138 Faktoren, die in unterschiedlicher Stärke eine gute Schule ausmachen. Der wichtigste Faktor: die Lehrerin, der Lehrer. Die scheinbar einfache Erkenntnis des Erziehungswissenschaftlers: Nicht Reformen, sondern der tägliche „gelebte“ Unterricht machen den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Schule.